im Spotlight, die Monatsmaschin'

diesmal: Holcroft 1 ¾ HP aus dem Pionierjahr 1901

   

Aus heutiger hochtechnisierter Sicht kann man sich schwer vorstellen, auf welche Art und Weise zu den Pionierzeiten Motorräder entwickelt und gebaut wurden. Improvisation und Handwerkskunst waren dabei die Stichwörter, oder wie die Engländer sagen: „learning by doing“.

Von wenigen Großserienherstellern abgesehen – die waren davon meist als Fahrradproduzenten vorbelastet – werkelten unzählige Klein(st)fabrikanten in Hinterhöfen, Schuppen und Kellerwerkstätten. Antriebsaggregate wurden – oft auch gebraucht – zugekauft, an dazu passenden Fahrgestellen war sowieso kein Mangel. Die Fahrradindustrie war ja geradezu explodiert in den vorangegangenen Jahrzehnten. Der Motor wurde mit Schellen irgendwo am Rahmen befestigt, bevorzugt an einer Stelle, von der aus er mittels Riemen oder Kette eines der beiden Laufräder antreiben konnte. Saß er vor dem Steuerkopf, war das oft sogar das Vorderrad. Der Antrieb erfolgte direkt, ein Getriebe gab es ja noch nicht. Es sollte noch eine Zeitlang voller Tüftelei vergehen, bevor sich die Gegend um das Tretlager als geeignetste Stelle für die Motorbefestigung durchsetzen würde, und bevor eigene Rahmen für Motorräder gebaut werden sollten.

Unser Fotomodell ist ein typisches Kind seiner Zeit, ein Beleg für die oben beschriebenen Umstände. Der heutige Besitzer, Peter Ehringer aus Trimmelkam, musste erst gründlich recherchieren - wobei ihm manchmal der Zufall zu Hilfe kam - bevor sich die Geschichte der Entstehung dieses Einzelstücks mit vielen „dürfte“ und „könnte“ erzählen lässt – eine Geschichte, die sehr viel mit AJS zu tun hat, der Motor sich schließlich aber als amerikanischer Michell entpuppt hat. Mehr darüber würde zu viel Platz in Anspruch (zuden haben wir die Geschichte in einer Ausgabe des „Benzinradls“ bereits einmal behandelt), dass wir sie überspringen und zur speziellen Lebensgeschichte dieses Unikats springen.

Es blieb nämlich bei diesem Einzelstück, dass Holcroft für private Zwecke nutzte. Er selbst entwickelte sich zu einem Spezialisten für Eisenbahntechnik, der zwischen 1904 und 1928 eine große Gießerei betrieb (die er von seinem Vater übernommen hatte) und zahlreiche Patente für Dampftechnik hielt. Nach seinem Ableben im Jahr 1973 wurde das Motorrad, das inzwischen nur mehr aus Motor und Tank bestand, an einen Sammler verkauft, der es nur provisorisch an einen Fahrradrahmen hängte und es nie wirklich aufbaute oder restaurierte. Nächster Besitzer wurde der bekannte Restaurator Ken Blake, der die Teile mit einem zeitgenössischen schweren Humber Bicycle verehelichte. Das so wiedererstandene Holcroft Motorrad stand dann lange in Sammy Millers Museum in New Milton, der ein guter Kumpel Blakes ist.

Weil Blake das Motorrädchen als zu „overgeared“, zu schwach für den Einsatz bei Veteranenrallyes hielt, wollte er sich davon trennen, fand aber in England keinen Abnehmer – es erkannte tatsächlich niemand die historische Bedeutung dieses zeitzeugen aus der motortechnischen Steinzeit! So kam die Holcroft auf den Kontinent, sie wurde an einen bekannten holländischen Händler zum Verkauf übergeben. Peter Ehringer hatte den richtigen Riecher und brachte den Urahn nach Österreich. Im Tank fand sich in einem Werkzeugfach eine Kopie der Drivers Lizence, des Führerscheins Harry Holcrofts. Das Original konnte leider bis heute noch nicht aufgetrieben werden, es besteht aber noch Hoffnung.

Nachdem der Motor als Mitchell identifiziert wurde, waren auch die Eckdaten bekannt: 213 ccm Hubraum, 1,75 PS Leistung, Vergaser Longuemare mit der Fabrikationsnummer 19068 (das ist wichtig, weil anhand dieser Nummer der Vergaser als aus dem Jahr 1901 stammend klassifiziert werden kann). Dann machte sich Peter an die Überarbeitung des Motors. Die Zylinder waren verschlissen, und das Aggregat generell technisch unausgereift. Neue Kolben und eine im Freien rotierende Schwungscheibe waren einige der Verbesserungen, die notwendig waren, um das Vehikel erstmals standfest zu machen, auch die Ventilsteuerung musste neu ausgerichtet werden. Peter hatte nämlich vor, damit an der Mutter aller Oldtimerrallyes, dem Pioneer Run, teilzunehmen und die 80 hügeligen Kilometer von London nach Brighton zu absolvieren ohne liegenzubleiben.

Im März 2010 war es soweit. Mit Startnummer 14 brachte Peter das älteste einspurige Motorrad an den Start – um ihn herum ausschließlich DeDion Bouton und Leon Bollet Dreiräder. Schon nach hundert Metern brach ausgerechnet das neueste Teil am ansonsten uralten Motorrad: ein Bakelitschalter für die Zündunterbrechung, den er angebracht hatte, um die Maschine im Stadtverkehr nicht bei jeder Kreuzung abwürgen zu müssen. Das war zwar lästig, aber kein Grund, um aufzugeben. Es sollte auch die einzige Panne bleiben, und so erreichte er ohne weiteres Problem das Ziel im Seebad Brighton und hatte damit nicht nur seine Klasse als Restaurator sondern auch die Tauglichkeit von Harry Holcrofts „Bastelarbeit“ bewiesen! Und die britischen Fachleute haben jetzt etwas Gesprächsstoff …

Holcroft 1 ¾ HP Baujahr 1901
Peter Ehringer, Trimmelkam St. Pantaleon