das virtuelle Museum des Motorrad-Veteranenclub Attnang Puchheim

Text und Fotos: Hannes Denzel


 
NSU 6 h.p. Baujahr: 1912
   
1912, als diese Maschine entstand, hatten die Produkte aus Neckarsulm so einen guten Ruf, dass Filialunternehmen in Zürich, London, Paris, Amsterdam, ja sogar in Moskau eröffnet werden mussten, um die weltweite Nachfrage zu befriedigen. Und auch in Wien gab es eine Niederlassung! Dabei beschäftigte sich das Unternehmen, das 1873 gegründet wurde, eigentlich mit der Herstellung von Strickmaschinen. 1886 kamen Fahrräder dazu, 1900 Motorräder. Anfangs wurden Einbaumotoren der Schweizer Firma Zedel zugekauft, ab 1904 gab es eigene Aggregate. Zu dieser Zeit verschwand auch der bis dahin gebrauchte Name "Neckarsulmer" von den Tanks und wich der Abkürzung "NSU".

NSU unterhielt bereits seit 1907 ein Werksteam, das unter anderem auch immer wieder bei der Tourist Trophy auf der Isle of Man antrat (die berühmte Strecke ist übrigens nur deshalb entstanden, weil auf der englischen Insel Rennen verboten waren!) Dass die "Krauts" mit ihrem überlegenen Maschinenmaterial gegen die toughen Tommys trotzdem keinen Blumenpott gewinnen konnten, lag an der Streckenkenntnis der Einheimischen - 60 Kilometer unüberschaubares Kurvenlabyrinth über Berg und Tal wollen eben gelernt sein! In anderen Ländern war man erfolgreicher, beispielsweise in den Staaten.

Dieses 6 h.p. Modell war zu seiner Zeit das Highlight der Modellpalette NSU's. Der Hubraum der wechselgesteuerten Maschine betrug stolze 830ccm, die 6 PS wurden über einen Gliederriemen an das Hinterrad übertragen. Das Motorrad ist mit einem Gradua Getriebe ausgerüstet, das im eigenen Haus entwickelt und von vielen anderen Firmen, speziell in England, in Lizenz nachgebaut wurde: vermittels einer Handkurbel konnte man vorne die Excenterscheibe verstellen, was unterschiedliche Getriebeabstufungen ergab. Ebenfalls vom Feinsten waren die gedämpfte Gabel und die Hinterradfederung, eine technische Komponente, die nur Luxusmaschinen vorbehalten war! Neben der 830er gab es sogar noch eine 1000er aus Neckarsulm, von beiden Modellen entstanden aber nur je eine Handvoll. Anders von der 3,5 h.p., die in großen Stückzahlen verkauft werden konnte, und mit der sich NSU über den ersten Weltkrieg rettete.
Ein Clubkollege hat die Maschine nach mühevollen Verhandlungen vom Vorbesitzer loseisen können - Stück für Stück. Den Ölbehälter beispielsweise, der ein Teil des Kraftstofftanks ist, hatte dieser auf einem landwirtschaftlichen Gerät in Verwendung. Später ging dieses Projekt (das "Projekt" bestand ja hauptsächlich aus Motor, Tank und einigen Blechteilen) in die Hände des heutigen Besitzers über, dem es nach jahrelangen Bemühungen tatsächlich gelang, die prachtvolle NSU wieder auf die Räder zu stellen. So manches fehlende Teile konnte er auftreiben, einiges musste auch nachgefertigt werden, aber was spielt das schon für eine Rolle bei einem Motorrad, das als einziges seiner Gattung überlebt hat!

 

 

NSU 6 h.p. Baujahr: 1912
Alfons Mair jun., Giering