das virtuelle Museum des Motorrad-Veteranenclub Attnang Puchheim

Text und Fotos: Hannes Denzel


 
Martinsyde Mk II, Baujahr: 1923
   

Die Firma Martinsyde war zwischen 1914 und 1918 der drittgrößte Kampfflugzeughersteller Großbritanniens. Zu dieser Zeit war auch der europäische Luft-Geschwindigkeitsrekord in ihrem Besitz. Legendär ist die F4 "Buzzard" mit Hispano Suiza Motor, die noch in manchen Ländern bis 1940 zuverlässig ihren Dienst als Postflugzeug verrichtete! Qualität und Langlebigkeit des Produkts stellen im Flugzeugbau unverzichtbare Eigenschaften für das Überleben der Piloten dar. Diesen hohen Standard wollte man bei Martinsyde in Woking für die Motorradherstellung übernehmen, die man 1920 (nach Kriegsende) ins Auge fasste. Man verließ sich daher auf keine Zulieferfirmen und fertigte lieber alle Teile selbst. Bewährtes kopierte man wohl von anderen Herstellern (wie das Getriebe), nicht ohne auch dabei noch Verbesserungen einzubringen! Derartiger Aufwand schlug sich naturgemäß in viel zu hohen Verkaufspreisen nieder. 160 Pfund hatte man für ein V2 Zylinder Modell laut Katalog zu bezahlen, ein Preis, für den man sich damals ein zweistöckiges Haus hätte leisten können! Nur etwas über 2000 Martinsyde verließen bis 1923 das Werk in Woking, dann wurde die Produktion von BAT übernommen

Aber bei allen diesen Motorrädern stehen die Zylinder in Reihe hintereinander – ohne Ausnahme. Unsere Martinsyde ist eine 680er der Serie II (Baujahr 1923) mit verkehrter Wechselsteuerung (Auspuff über Einlass),von der nur mehr zwei Stück erhalten sind - neben dieser steht noch eine im National Motorcycle Museum in Birmingham. Jede Martinsyde musste sich damals vor ihrer Auslieferung zum Händler einer eigenwilligen Qualitätskontrolle unterziehen: Die Einfahrer (so was gab's damals!) jagten die Maschine samt Seitenwagen in forschem Tempo die hauseigene Bergstrecke hoch, anschließend sollten sie die Kühlrippen mit bloßen Händen berühren können, ohne sich zu verbrennen! Und die Martinsydes waren nicht nur zuverlässig, sondern auch schnell, der errungene Teampreis in Brooklands 1921 beweist es!
Leider hat dieses einmalige Stück unseren Verein verlassen, der Besitzer hat sich kürzlich von ihr getrennt. Vor mehr als 10 Jahren hat er sie aus einem schwedischen Museum nach Österreich gebracht (eigentlich hat er ja eine Flying Merkel gesucht, die Martinsyde ist ihm gewissermaßen "zugelaufen", auch ein dazugehöriges Beiwagenfragment wechselte in seinen Besitz. Der Motor war wohl Martinsyde, passte aber nicht zur Rahmennummer - das originale Teil konnte in Australien gefunden und nach zähen Verhandlungen auch erstanden werden (was wären wir Oldtimersammler ohne die Komponenten Glück und Zufall!). Bevor sich alle diese Puzzleteile zu einem homogen Ganzen zusammengefunden haben, ist ihm allerdings ein neues Projekt in die Quere gekommen, weswegen er sich von der Martinsyde trennen musste - man kann eben nicht alles haben!


 

Martinsyde Mk II, Baujahr: 1923
Besitzer: Gerhard Perndorfer, Pinsdorf