das virtuelle Museum des Motorrad-Veteranenclub Attnang Puchheim

Text und Fotos: Hannes Denzel


 
Benelli 250 TNe 1936
   

„Eigenartig, dass rotlackierte Motorräder immer optisch schneller erscheinen als schwarze. Wer’s nicht glaubt, schaut sich diese Benelli an: ein wirklich schöner Motor, obenliegende Nockenwelle, Fußschaltung, zierlich für eine 500er, offensichtlich was sportliches... so weit der erste Eindruck. Und die Realität? Erstens ist es keine 500er sondern eine 250er, und ihre 10 PS Leistung erscheinen nicht gerade übertrieben für sportliche Ambitionen. Aber so ist das oft mit italienischen Maschinen, optisch gleichen sie dem Weltmeistermodell vom Vorjahr, aber auf der Straße muss man damit dazuschauen, dass einen nicht der Eisverkäufer überholt... Aber wir wollen nicht übertreiben und die Benelli auch nicht ungerechtfertigt „herunterputzen“. Denn sie liefert ein gutes Beispiel, wie fehl am Platz Vorurteile häufig sind. Bei dieser Benelli handelt es sich nämlich um ein Modell TNe mit 250ccm Hubraum. Das „T“ steht für „Touren“ und tut damit klar kund, wofür sie gebaut wurde. Die angegebenen 10 PS Leistung bei 5500 U/Min. sollen für 90 Km/h Spitze gut sein und dabei nur wirtschaftliche 3 Liter Sprit auf 100 Kilometer im Dell‘ Ort Vergaser verschwinden lassen. Dass das Maschinchen dabei schnell und sportlich aussieht, kann ja kein Fehler sein, denn Sportlichkeit liegt in der Familie.

Das Schwestermodell heißt schließlich „S“ (natürlich, für „Sport“) und unterscheidet sich von der „TNe“ nur in Details, hauptsächlich durch den Leichtmetallzylinderkopf, der für eine Spitzengeschwindigkeit von gut 150 Km/h verantwortlich sein soll – die garantiert der Hersteller. Beiden Modellen gleich ist ihre auffälligste technische Eigenheit – die obenliegende Nockenwelle, die von einer Zahnradkaskade gesteuert wird. (Motoren mit ohc Charakteristik wurden von Benelli schon seit 1927 gebaut. Zum Unterschied von den Tourenmodellen verwendete man bei Rennmaschinen meistens Doppelnocken.) Ebenso beiden gleich ist das fußgeschaltete Vierganggetriebe und die von Benelli patentierte Hinterradschwinge mit Scherendämpfer. Diese verleiht der ohnehin nicht leichtgewichtigen Maschine (164 Kg im Fahrzustand) eine etwas schwerfällige Optik, muss sich aber bewährt haben, sonst würde sie DKW nicht in Lizenz nachgebaut haben.
Diese 250er, die 1936 vorgestellt wurde, bildete den Ausgangspunkt für einen Wiedereinstieg Benellis ins internationale Renngeschehen (nach dem tödlichen Sturz während einer Testfahrt des jüngsten der sechs Benelli Brüder, Tonino – er war ein sehr erfolgreicher Rennfahrer – hatte man sich vom Renngeschehen zurückgezogen), das Comeback gestaltete sich furios: Mit der neuen Doppelnocken-250er teilten sich die drei Werksfahrer Soprani, Martelli und Rosetti die Podest-plätze beim „Großen Preis der Nationen“ 1938. Besondere Aufmerksamkeit erregte dabei der Umstand, dass Sopranis Durchschnittsgeschwindigkeit höher lag als die des Siegers der 350er Klasse, Ted Mellors auf Velocette. Darüber hat vermutlich auch Mellors nachgegrübelt, denn im folgenden Jahr erschien er auf einer Benelli zum Start der TT auf der Isle of Man – und passierte als erster die Ziellinie.

 

Benelli 250 TNe, Baujahr 1936
Besitzer: Karl Schmalwieser,
Gaspoltshofen