das virtuelle Museum des Motorrad-Veteranenclub Attnang Puchheim

Text und Fotos: Hannes Denzel


 
Alcyon 5 h.p. Model Course 1914
   

Französische Motorräder gelten in Österreich heute noch als Exoten. Schon in den frühen Pionierjahren waren fast alle namhaften englischen Firmen hierzulande mit eigenen Vertretungen am Markt und machten den heimischen Produkten heftige Konkurrenz, aber die Franzosen? Die kannte damals schon kaum wer, wenn man von Peugeot und vielleicht noch Clement einmal absieht. Dabei waren die Franzosen bei der Entwicklung des Motorrads von Anfang an dabei – wenn nicht sogar in federführender Position. De Dion Bouton Dreiräder kennt jeder, und die Moto Werner war ja doch wohl das erste Motorrad, das auch wie ein solches ausgesehen hat. Alcyon ist zwar hierzulande weniger bekannt, das heißt aber nicht, dass es keine renommierte Firma war. Im Gegenteil, das Unternehmen aus Neuilly-sur-Seine bei Paris entwickelte technische Detaillösungen, von denen die Kunden anderer Marken oft noch lange träumen mussten.

Zum Beispiel dieses 5hp Modell aus 1914. Vergleichen wir sie mit anderen Motorrädern aus der Zeit kurz vor dem ersten Weltkrieg, und schauen wir uns dazu ein typisches Modell an: Am Rahmen können wir noch erkennen, dass sich das Motorrad definitiv aus dem Fahrrad entwickelt hat. Ein geschlossener Rohrrahmen, unten rund gebogen um das Motor Gehäuse aufzunehmen. Gabel, Lenker, Sattel, alles wie beim Fahrrad. Der Motor ist meist ein Einzylinder, Hubraum200 bis 300 Kubik. Die Schnüffelventile wurden in den letzten Jahren endgültig von mechanisch gesteuerten verdrängt. Die Leistung liegt bei 2 – 3 PS. Natürlich gibt es auch hubraumstärkere Modelle mit bis zu 1000 ccm und zwei Zylindern, aber die kann sich kein Normalsterblicher leisten.

 

Übertragen wird die Leistung von einem Flach- oder Keilriemen, Getriebe sind Luxus. Und jetzt betrachten wir zum Vergleich dazu die Alcyon. Handeln tut es sich dabei um eine 5 h.p., diese Leistung schöpft sie aus 500ccm Hubraum – ein optisch identisches Modell gibt es auch als 350er, mit 3 ½ h.p. Suchen wir zunächst die Ähnlichkeiten: da wären der weit nach hinten gebogene Lenker, der Stecktank unter dem oberen Rahmenrohr, der fahrradähnliche Sattel, die 26er Wulstreifen. Die Unterschiede: der Rahmen ist unten offen – dort hängt der Zweizylindermotor, der mit dem Getriebe einen Block bildet und bereits mittels Kette das Hinterrad antreibt. Auffällig sind die Pedale links und rechts von der Motoreinheit, sie bedienen die Schaltung. Wozu zwei Pedale? Die Alcyon besitzt nämlich zwei Kupplungen, oder eigentlich eine Doppel–Konuskupplung. Links wird mit dem Pedal der erste Gang eingerückt, rechts dann der zweite – wobei links automatisch wieder ausgekuppelt wird.

Auf der rechten Seite findet sich noch ein weiteres Pedal, das für die Hinterradbremse zuständig ist. Mittels Umlenkhebel werden gleich zwei Bremsklötze betätigt, dafür gibt’s keine Vorderradbremse - ein Hinweis darauf, dass es sich um ein Modell „Course“ handelt, also die Sportausführung, daher auch die sportlich schmalen Kotflügel. Das Tourenmodell „Touriste“ hat die breiten, mit den tief nach unten gezogenen Schürzen, um die Kleidung des Fahrers vor dem allgegenwärtigen Schlamm und Kot zu schützen. Beiden Modellen gleich hingegen ist die Teleskop Vorderradfederung. Mit nur 75 Kilo Gesamtgewicht ist die Alcyon ein echtes Leichtgewicht. Und der Name? Alcyon heißt ein Eisvogel aus der griechischen Mythologie, und der ist auch auf dem Steuerkopfschild sowie den Tankemblemen abgebildet.

Alcyon 5 h.p. Model Course,
Baujahr: 1914

Besitzer: Hannes Denzel,
Ebensee