das virtuelle Museum des Motorrad-Veteranenclub Attnang Puchheim

Text und Fotos: Hannes Denzel


 

Puch Styriette, Baujahr: 1938

   
Am 19. Juli 1914 starb der Fahr- und Motorradpionier Johann im Alter von gerade einmal 54. Nur wenige Jahre später schien auch für sein Unternehmen, die Puchwerke AG., das Aus gekommen. Die Rettung hieß Ing. Giovanni Marcellino. Der Chefkonstrukteur des Grazer Werkes entwickelte einen preiswert zu bauenden Doppelkolben-Zweitaktmotor, der noch bis in die 70er Jahre zu einem Puch Motorrad gehören sollte wie der Boxer zu BMW (eine ähnliche Motorcharakteristik gab es nur bei Garelli, dort saßen aber die Kolben auf einer Pleuelstange und nicht auf einem Gabelpleuel). Mit diesem Motorkonzept fuhr Puch spektakulär aus der Krise.
Hatte Marcellinos erstes Produkt, die LM (fürLeichtMotorrad) nur 123 ccm, wurde die 250er speziell in den 30er Jahren der große Renner - auch der Motor der 500er war nichts anderes als zwei gekoppelte 250er. Eine größere Modellvielfalt gab es erst nach dem Zusammenschluss der Puchwerke mit Austro Daimler (1928) und den Steyr-Werken (1934) zu Steyr-Daimler-Puch. Neben der geländetauglichen 350er GS kam mit der 4 Zylinder 800er erstmals wieder ein Viertakter (die 500er von 1928 stellt eine Ausnahme dar, der Motor wurde nicht selbst entwickelt, sondern bei JAP eingekauft), aber auch nach unten gab es Neuigkeiten: die „Styriette“ war ein hilfsmotorisiertes Fahrrad, wobei aber kein Modell aus dem laufenden Programm hergenommen, sondern ein völlig eigenständiger Rahmen entwickelt wurde. Der Hubraum des (Einkolben-) Zweitakters betrug exakt 60,3 ccm, und die 1,5 PS Leistung sollten neben ca. 35 Km/h eine Steigfähigkeit von 12% ermöglichen – wichtig für das Bergland Österreich. Weitere Verkaufsargumente hießen: „keine Steuern, kein Führerschein, kein Versicherungszwang“. Die anvisierte Zielgruppe war über 16 Jahre alt, und wurde primär in Radfahrerkreisen vermutet – weshalb man die Styriette auch in den Fahrrad- und nicht in den Motorradkatalogen, bzw. -Geschäften anbot.
Vorgestellt wurde die Styriette erstmals auf der Wiener Frühjahrsmesse im März 1938. (Zu diesem Zeitpunkt fuhren die Wiener übrigens noch links. In Tirol, Kärnten und Teilen Salzburgs war das Rechtsfahren schon 1935 eingeführt worden, in OÖ und der Steiermark erfolgte die Umstellung am 1. Juli 1938, in den restlichen Bundesländern Österreichs Anfang Oktober desselben Jahres. Die Vorarlberger hingegen waren nie links gefahren.) Der Preis des als „Volksmotorrad“ angepriesenen Fahrzeugs wurde auf der Messe mit „unter S 400,-„ angegeben - als Vergleich kann man den Preis eines normalen Puch-Herrenrads mit S 170,- heranziehen, das Damenrad schlug damals ein Loch von 185,- Schilling in die Geldbörse. In den folgenden Monaten konnten 2300 Einheiten an den Mann (und an die Frau – es gab auch ein Damenmodell) gebracht werden, 1939 aber war die Styriette schon nicht mehr in den Verkaufskatalogen enthalten. Nach dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland wurde die „Steyr-Daimler-Puch AG.“ in die „Hermann-Göring-Werke“ eingegliedert, die Herstellung von Kriegsmaterial bekam Vorrang. Allein die 250er und 350er wurden weiter gebaut.
15 Jahre später eroberte ein neues Massenverkehrsmittel den Markt: das Moped. Technisch gesehen darf man die Styriette ohne weiteres als einen direkten Vorgänger dieser Gattung bezeichnen, nur hat das damals noch niemand ahnen können....

 

Puch Styriette, Baujahr: 1938

Besitzer: Schmalwieser Alois
Gaspoltshofen