das virtuelle Museum des Motorrad-Veteranenclub Attnang Puchheim

Text und Fotos: Hannes Denzel


 

Rumi Formichino Tipo Sport, Baujahr: 1957

Klein-U Boote und Torpedos für die italienische Marine stellte die kleine Firma aus Bergamo während des zweiten Weltkriegs her – vorher produzierte man dort Textilmaschinen. Nach Ende des Krieges galt es ein neues ziviles Produkt zu finden. Wie viele andere auch verlegte man sich auf den Bau von Motorrädern – und schöpfte gleich aus dem vollen: obwohl nur 125 ccm schwer verfügte die kleine Maschine über einen liegenden Zweizylindermotor, Telegabel und Geradewegfederung, Vollnabenbremsen und viele technische Finessen mehr – so genügte für einen Mechaniker ein einziger Schlüssel, um alle Schraubverbindungen lösen zu können. Nicht vergessen: wir schreiben das Jahr 1949! Schon im Jahr darauf kam das überarbeitete Sportmodell auf den Markt, und die Supersport konnte mit zwei direkt über den Einlasskanälen montierten Fallstromvergasern auftrumpfen.
1951 kam der erste Roller, in Italien Scooter genannt, ins Programm. Die großen Verkaufserfolge der Vespa dürften auch in Bergamo nicht unbeobachtet geblieben sein. Die Scoiattolo (italienisch für Eichhörnchen) bekam den bewährten Zweizylindermotor in den Blechpressrahmen gehängt, sonst war die Konstruktion aber eher halbherzig ausgeführt: 14 Zoll Speichenräder waren zu motorradähnlich, um die Rollerfreaks zu reizen, das Blechkleid aber war für die Motorradler unattraktiv.
So blieb es der 1954 erscheinenden Formichino vorbehalten, erstere Gruppe zu begeistern: „die kleine Ameise“ wie der Scooter übersetzt getauft wurde, hatte rund um den Motor eine Alukarosserie verpasst bekommen, die aus mehreren Gussteilen bestand. Der geteilte Rahmen war vorn am Motor angeschraubt und umschloss auch den Stahltank. Durch eine Öffnung im Kleid schnappten die zwei Fallstromvergaser nach Luft. Innovativ auch die nach hinten führende Einarmschwinge, in der die Antriebskette rotierte. Sie besteht ebenso wie die Kotflügel und die Lampenverkleidung aus Aluminium. Letztere wartet mit einem netten Gimmick auf: eine Bowdenzugverbindung sorgt dafür, dass der Reflektor in der Kurve mitschwenkt. Aus Blech sind bei der Formichino eigentlich nur die Beinschilder und Trittbretter. 6,5 PS Leistung genügten, um in dieser Hubraumklasse im Quartett jeden Mitspieler auszustechen.
Und damit die Formichino nicht nur stark, sondern auch schnell ist, kam 1957 das Modell „Tipo Sport“ heraus. 22 mm Dell’Orto Vergaser hatten die alten 15er abgelöst, und sorgten jetzt für 8 PS Leistung. Damit man bei Schräglagen keine Probleme bekam, wurden 10“ große Räder montiert. Und es gab Umrüstsätze, die dafür sorgten, dass Rumi Roller auch im Renneinsatz Chancen hatten: legendär die Erfolge beim französischen 24 Stunden Rennen Bol d’ Or, welches auch der Namensgeber für das Supersportmodell ist, das 1959 erschien und heute wohl die gesuchteste Version der Formichino ist. Wer weiß, wie die Entwicklung des Scooters wohl weitergegangen wäre, wenn Rumi sich nicht bei der Entwicklung einer neuen Modellreihe mit V2 Zylinder Motoren völlig verspekuliert hätte? 1962 jedenfalls musste die Firma in Bergamo schließen.
Bert Grillenbergers Rumi aus 1957 hat eine interessante Geschichte: er kaufte und restaurierte diesen Scooter, weil seine Frau in ihrer Jugend genau so eine Formichino besessen hatte – und musste überrascht feststellen, dass sie tatsächlich in den Fahrzeugpapieren des mittlerweile orange lackierten und ziemlich verwahrlosten Rollers als frühere Besitzerin eingetragen war!

Rumi Formichino Tipo Sport, Baujahr: 1975

Besitzer: Engelbert Grillenberger, Altmünster