das virtuelle Museum des Motorrad-Veteranenclub Attnang Puchheim

Text und Fotos: Hannes Denzel


 
Motocyclette " Le Grimpeur ", Baujahr: 1915
   

Wohl gilt heute England als die Wiege der Fahrrad- und nachfolgend auch der Motorradindustrie. In Wirklichkeit hätte es diese niemals gegeben, hätte nicht der Nähmaschinenfabrikant Josiah Turner von der Coventry Sewing Company 1867 auf der Weltausstellung in Paris etwas für ihn und die Welt ganz neues entdeckt und gekauft: das Velociped des Pierre Michaux. Michaux war 1861 einer Anregung seines Sohnes gefolgt, hatte auf ein Laufrad Tretkurbeln montiert und damit das Fahrrad erfunden. Turner sah das Interesse der Weltöffentlichkeit und dachte anfangs nur daran, saisonbedingte Porduktionsstillstände in seiner Nähmaschinenfabrik damit zu füllen, Velocipede zu bauen und an die Fahrradbegeisterten Franzosen zu exportieren. Was für einen Boom er damit in England und der ganzen restlichen Welt auslösen würde, konnte er zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen.

Aber zurück nach Paris: auch hier wurde das Velocipede weiterentwickelt, wenn auch für die Nicht-Französischsprechende Welt weniger transparent als auf der benachbarten Insel. Findige Ingenieure wie Eugene Meyer (es ist heute noch strittig, wer das Hochrad „erfunden“ hat, Meyer oder James Starley in Coventry), Albert de Dion und Georges Bouton (sie bauten zuerst Dampffahrzeuge, kamen dann aber bald auf die Idee, Benzinmotoren an – englische – Dreiräder zu bauen, die sie auch in großer Stückzahl verkaufen konnten) oder die russischstämmigen Brüder Michael und Eugen Werner (sie bauten zuerst 1897 einen Benzinmotor an ein Fahrrad an und nannten es Motocyclette, 1900 ordneten sie den Motor so im Rahmen an, wie es heute noch Gültigkeit hat), sie alle hatten eines gemeinsam: sie konstruierten und bauten in Frankreichs Hauptstadt Paris. Anders aber als in Englands Hochburg Coventry hatte das nicht zur Folge, dass sich bald unzählige Nachahmer im Ort fanden, was sicher daran liegt, dass Coventry der Sitz der britischen Schwerindustrie war, weshalb sich die meisten französischen Firmen die Gegend um St. Etienne, wo die französische Stahlindustrie zu Hause ist, aussuchten.

So sind heute nur wenige Motorradmarken mit Sitz in Paris bekannt: eben Werner, oder Gnome & Rhone, le Francaise Diamant, Dresch, Rovin und einige kleinere Hersteller. Zu denen zählt zB. die Marke „Le Grimpeur“, von der nicht viel mehr bekannt ist, als dass sie ab ca. 1900 Motorräder mit zuerst schweren Einbaumotoren von MAG oder JAP, später nur mehr Leichtmotorräder mit Stainless oder Chaise Motoren bauten, bevor sie 1932 vom Konkurrenten Dresch geschluckt wurden. Unser Modell ist ein Leichtmotorrad aus der Ära zwischen 1915 und 1919 und hat ein Aggregat des Flugmotorenherstellers Aubier & Dunne mit 106 ccm Hubraum. Die Leistung von so ca. 1,5 PS wird mittels eines Leinenlamellenriemen an die Felge übertragen, an die auch die beiden Klotzbremsen ihre Verzögerungswirkung ausüben. Der Riemen war auch der Auslöser für Ing. Fritz Kurz, sich dieses kleinen Motorrads anzunehmen (jeder Sammler, der sich mit ganz alten Motorrädern beschäftigt, hat gerne eine „Riemengetriebene“), und, nachdem es schon einige Jährchen eher unbeachtet in seinem Keller stand, es dann doch einmal auf Neuzustand zu restaurieren. Dabei wurden ausschließlich Originalteile verwendet, lediglich der Tank musste nachgebaut werden - zu schlecht war dessen Zustand gewesen, und schließlich sollte das Dingelchen ja wieder klaglos laufen. Und obwohl sie das jetzt tut, will sich Fritz davon trennen, denn er ist mittlerweile darauf gekommen, was speziell die englischen Hersteller immer schon wussten: Hubraum ist durch nichts zu ersetzen als durch noch mehr Hubraum, und so muss die kleine Grimpeur jetzt etwas größerem weichen. Zuletzt noch eine Erklärung, was „Le Grimpeur“ eigentlich heißt: „Kletterer oder Klettermaxe“ nämlich, in weiterem Sinne auch „Bergfahrer“.

Motocyclette "Le Grimpeur "
Baujahr 1915

Besitzer: Ing. Fritz Kurz
Attnang Puchheim