das virtuelle Museum des Motorrad-Veteranenclub Attnang Puchheim

Text und Fotos: Hannes Denzel


 
FN M70 Sahara, Baujahr: 1927
   

Jahr für Jahr versammeln sich zu Silvester in Paris hunderte Wettbewerbs-Fahrzeuge (Buggys, Jeeps, LKW’s, meist allradgetrieben, aber auch Motorräder, Trikes und Squads), um quer durch die Wüste Sahara in drei Wochen die Hauptstadt Senegals, Dakar, zu erreichen. Begleitet werden sie dabei von einem riesigen Tross an Begleitfahr-zeugen, die Mechaniker, Köche, Ärzte, Therapeuten und sonstige Betreuer samt Zeltstadt zu den jeweiligen Etappenzielen bringen. Für Navigationshilfen und zur Presseberichterstat-tung gesellen sich dazu noch Dutzende Hubschrauber und Kleinflugzeuge. Trotz dieser perfekten Organisation hört man dennoch jedes Jahr wieder von Toten und Schwerverletzten, sowie in der Wüste Verirrten, die oft erst nach Tagen wieder aufgefunden werden konnten.

Wie abenteuerlich musste da erst das Vorhaben anmuten, das der französische Armee-hauptmann Bruneteau 1927 plante? Zusammen mit Oberstleutnant Gimie wollte er auf Motorrädern die Tanezrouff Wüste (ein Teilstück der Sahara) durchqueren und bis nach Dakar vorstoßen. Als einzigen Begleiter hatten sie sich den belgischen Mechaniker Joseph Weerens ausgewählt, aber auch der war nicht im LKW oder gar im Flugzeug unterwegs, sondern saß auf einer baugleichen 350er FN wie die beiden Offiziere auch. Gestartet waren die drei Anfang April, bereits nach nur zwei Monaten konnten sie die glückliche Ankunft in Dakar nach Hause melden! Aber das war noch nicht das Ende des Unternehmens. Von Dakar ging es per Schiff nach Casablanca, von dort wieder auf Achse nach Oran, von wo per Schiff nach Marseille übergesetzt wurde. Die Heimfahrt durch Frankreich endete in Belgien: nach insgesamt 8000 KM Fahrt (davon 6300 durch die Wüste) erreichten sie die Firma FN in Herstal, wo die drei Motorräder herstammten.

Bei den Maschinen handelte es sich um nur leicht modifizierte (mit größeren Tanks und Tornistern versehene), weiß lackierte FN’s des Typs M 70. Die M 70 ergänzte die Nachkriegs-Produktpalette der belgischen Firma. Hatte FN mit den Modellen M 60 und M 65 nur sportliche, obengesteuerte Sportmotorräder anzubieten, handelte es sich hingegen bei der M 70 um ein wirtschaftliches, technisch einfaches Modell, das aber bald großen Absatz fand. Im Zentral-rohrrahmen saß ein seitengesteuerter 350er Blockmotor (9 PS Leistung) mit integriertem 3 Gang Getriebe, handgeschaltet. Der Vergaser kam vom französischen Hersteller Gurtner, der Magnetzünder hingegen war deutscher Herkunft (Bosch). Die Druid Gabel führte das Vorderrad, verzögerte wurde mittels damals schon ziemlich antiquierten Klotzbremsen (Trommelbremsen kamen erst beim 1928er Modell). Auch der Satteltank – mit dem aufgesetzten Werkzeug-kasten – gehörte ebenfalls bereits zum alten Eisen. Seine breite rote Linierung gab der FN ihr charakteristisches Aussehen ebenso wie die untypisch breiten 25 x 3,85er Wulst-Ballonreifen. Der alte Rufname „Moulin Rouge“ (rote Mühle, wegen der lackierten freiliegenden Schwung-scheibe) wich aber nach der werbeträchtigen Reise der Offiziere dem Namen, unter dem sie auch heute noch bekannt ist: die FN „Sahara“.

FN M70 Sahara, Baujahr 1927

Besitzer: Alfons Mair jun., Giering