das virtuelle Museum des Motorrad-Veteranenclub Attnang Puchheim

Text und Fotos: Hannes Denzel


 
EBS 200 Leichtmotorrad Sport, Baujahr: 1920
   

Über 170 Motorradhersteller beschreibt VFV Gründungsmitglied und Ehrenpräsident Karl Reese in seinem Buch „Motorräder aus Berlin“. Neben bekannten wie Mabeco, D-Rad, Stock, Bekamo oder Baier findet man aber unzählige Namen, die meist völlig in Vergessenheit geraten wären, wenn nicht manchmal ein stählerner Zeitzeuge in irgendeinem Dachboden oder Keller überlebt hätte und auf verschlungenen Pfaden in die Hände eines Oldtimer-Enthusiasten gelangt wäre, wie in diesem Fall in die von Clubmitglied Nagl Rudi.

Typisch dafür die Geschichte dieser E.B.S. Leider unbekannt ist, wie das Leichtmotorrad aus Berlin überhaupt nach Österreich kam. Jedenfalls war es im Besitz eines Finanzbeamten in Ruhe, der eines Tages im Jahr 1968 damit im Hof eines Motorradhändlers im oberösterreichischen Vöcklabruck vorfuhr. Eintauschen wollte er den rüstigen Veteranen, und zwar gegen eine der unverwüstlichen Puch MV 50, in Österreich allgegenwärtig und unter den Begriffen „Postlerpuch“ oder „Maurersachs“ jedem bekannt. Der Händler schien grundsätzlich nicht abgeneigt, bestand aber auf Aufzahlung. Zwei weitere zufällig anwesende Personen mischten sich ins Geschehen: einer davon war der österreichische Oldtimer-Professor und gebürtige Vöcklabrucker Dr. Helmut Krackowizer (2001 verstorben), der die seltene Marke offenbar erkannte und auch daran Interesse zeigte. Auch sein Angebot dürfte dem Finanzpensionisten nicht schmackhaft genug gewesen sein, was die Verhandlungen in die Länge zog. Diese Gelegenheit nutzte der zweite Zeuge, Schwager des heutigen Besitzers, damals 17 Jahre alt und lebhaft interessiert an allem, was zwei Räder und einen Motor hatte. Er lief über die Straße zu seinem Vater: „Papa, Papa, ich brauch’ sofort 5000 Schilling“. „Ja, wozu denn?“ „Da ist einer, der will ein uraltes Motorrad gegen ein neues Puch Moped tauschen – ich muss daher so ein Moped kaufen“. Weil der Vater ein heftiger Oldtimer-Fan war, konnte der Filius auch gleich mit dem geforderten Betrag abrauschen. Er kaufte die fabrikneue MV 50 ohne lang zu handeln, drückte sie dem Finanzbeamten samt Papieren in die Hand, ließ den Händler sowie den verblüfften Dr. Krackowizer stehen und brachte die E.B.S. nach Hause zu Vatern in Sicherheit.

Die nächste Station auf dem Lebensweg des kleinen Schnauferls dokumentiert ein Foto aus 1970: besagter Schwager mit Gummimantel, Lederhaube und martialischer Fliegerbrille auf der E.B.S. als Teilnehmer an einem Faschingsumzug. Danach dürfte das Interesse an dem kleinen Oldtimer abgeflaut sein: die nächsten Jahre verbrachte sie in Ruhestand in einem Schuppen und nach der Übersiedlung der Familie nach Salzburg in einem Keller. Dort würde sie vermutlich heute noch stehen, hätte nicht der Familienpatriarch seinen 90ten Geburtstag in Vöcklabruck im Haus der Verwandtschaft gefeiert. Bei einem Rundgang stieß er in der Garage auf die Singer TT 500 - Baujahr 1912 - des Hausherrn, und erinnerte sich dabei daran, dass er „ja auch noch wo so eine alte Einzylindermaschin’ mit drei Buchstaben am Kurbelgehäuse rumstehen habe, kummt’s halt amol anschauen“ Gesagt, getan – die Erwartung, eine AJS oder BSA vorzufinden, wurde zwar getäuscht, aber das Anschauen führte dazu, dass das kleine Spuckerl fast wie von selbst in den Kofferraum und in der Garage in Vöcklabruck auf die Werkbank hüpfte. Die Restauration gestaltete sich völlig unproblematisch – jeder einzelne Schrauben war völlig im Original erhalten und auch wieder verwendbar. Sogar das Motorinnenleben zeigte kaum Verschleißerscheinungen, besonders beansprucht dürfte die E.B.S. nie geworden sein. Eine ausgiebige Rostkur mit anschließender Konservierung genügte, um sie wieder in fahrbereiten Zustand zu versetzen. Einzige Herausforderung war die sensible Entfernung einiger nachträglich aufgetragener Farbschichten am Tank, bevor das originale Grau samt Firmenlogo unbeschadet zum Vorschein kam.
Jetzt galt es also noch die Herkunft des kleinen Viertakters zu klären. Erste Erkenntnisse entstammten dem Tragatsch: E.B.S. steht demnach für „Ernst Bauermeister & Söhne“, die von 1924 bis 1931 in Berlin Motorräder produziert hatten. So unbekannt wie angenommen dürfte dieses Kleinunternehmen gar nicht gewesen sein, immerhin sollen dort Maschinen in den Hubräumen 200, 250, 350, 500 und sogar 800ccm entstanden sein! Auch seien diese „wegen ihrer Zuverlässigkeit und Ausstattung sehr geschätzt“ worden. Weitere Recherchen im Internet führten dann zu oben angesprochenem Buch von Karl Reese, das da schon sehr viel mehr ins Detail ging. Noch mehr Licht brachte eine Anfrage beim Autor selbst, der sich sehr hilfsbereit zeigte und seinerseits noch weiter forschte. Zutage kam, dass es offenbar das einzig erhaltene Exemplar dieser Marke ist (nur ein Rahmen sei noch wo erhalten) und das Baujahr wohl so mit 1924 anzunehmen sei. Eine These, der allerdings dagegen steht, dass laut der noch erhaltenen originalen Nummerntafel CII 727 nachweisbar ist, dass diese Maschine 1920 als 2727tes Motorfahrzeug in Oberösterreich zum Verkehr zugelassen wurde.

Wenn man Karl Reeses Buch genau durchliest und die Abbildungen betrachtet, fällt auf, dass optisch derselbe Motor, der die E.B.S. mittels eines Keilriemens antreibt, auch bei so manchem anderen Hersteller Verwendung findet. Auch die technischen Eckdaten (Einzylinder Viertakt seitengesteuert, 70 Bohrung, 60 Hub ergibt 198ccm, 1,5 PS) passen genau (so zB. bei Defa, Charlet, Gruhn, Cambra, …). Und nicht nur das, es gibt sogar detailgetreue Kopien der E.B.S., wie zB. die Alba, derselbe geschlossene Einrohr-Diamantrahmen mit dem langen Ausfallende, die selbe Motoranordnung, Sattel, Lenker – einzig die Gabel ist augenfällig eine andere. Wer hat jetzt von wem abgekupfert? Wer hat den Motor wirklich gebaut, wer hat den Rahmen geschmiedet, wer war nur Konfektionär? Auch Karl Reeses Buch gibt darauf keine Antwort, es lässt sich höchstens etwas zusammenreimen, ohne aber irgend einen Beweis dafür antreten zu können: es gab in Berlin die zwei Brüder Gruhn, der eine, Hugo, hatte ein eigenständiges Unternehmen, das Rahmen baute, wogegen Richard Motoren und ganze Fahrzeuge herstellte. Bei der 200er Gruhn (von der auch ein Exemplar erhalten geblieben ist), findet sich ein dem E.B.S. zum verwechseln ähnlicher Motor (in auch ähnlichem Rahmen) – bis hin zum über dem Motorgehäuse angeordnetem Magneten, der Auspuffanlage, dem Vergaser. Hat Bauermeister ebenso wie Gruhn die Rahmen von dessem Bruder bezogen? Wer hat die Motoren gebaut? Denn einerseits wissen wir jetzt schon, dass Richard Gruhn Motoren herstellte, andererseits hieß Bauermeisters Unternehmen in vollem Wortlaut „Wiedeck & Bauermeister – Berliner Motoren Maschinen und Werkzeugfabrik“, also auch er war Motorenbauer – und das nach Reeses neuesten Recherchen schon seit lange vor 1920. Auf alle Fälle ist der E.B.S. Motor der einzige unter allen ähnlichen, der das Namenskürzel auf dem Kurbelgehäuse trägt – alle anderen zeigen sich da anonym. Weiterhelfen würden natürlich weitere existierende Exemplare, oder zumindest Motoren, und natürlich Literatur – oder weiß wer was?

 

EBS 200 Leichtmotorrad,

Baujahr: 1920

Besitzer: Nagl Rudolf
Vöcklabruck